Expeditionsmedizin für Alpinärzte 2018

von Johannes Dillmann

Bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen treffen am Samstag den 07.04.2018 angehende Expeditionsmediziner nach und nach im Hotel Bergfreund in Herbriggen ein. Das von Chefin Rosi geführte Hotel ist die Anlaufstation für die meisten deutschsprachigen Bergführer und ihre Gäste in der Region. Zur herzlichen Art von Rosi und ihrem Team kommt auch noch eine perfekte organisatorische und kulinarische Versorgung mit immer genügend Nachschlag.

Bei der Kurseröffnung und Vorstellung der Ausbilder Ulli Steiner, Wolfgang Schaffert, Jan Mersch, Peter Albert und Hajo Netzer erhielten die Teilnehmer einen Einblick in das Kommende der nächsten Woche. Die beherrschenden Themen des Kurses sollten die zwei aufziehenden Kaltfronten mit ihren Auswirkungen (Sturm, Schneefall und Lawinenlage) und das Thema Flexibilität werden.

Das Abendessen erarbeiteten sich die Teilnehmer mit Gruppenarbeiten zu Themen der Expeditionsplanung und sehr spannenden Vorträgen.

In der Abendbesprechung zeichnete sich schon eine Tendenz zur Verschlechterung von Wetter und Lawinenlage ab.

Die Selbstversuche zur akuten hypobaren Hypoxiereaktion und die Besteigung des Breithorn mussten aufgrund des noch tolerablen Wetters auf den Sonntag vorverlegt werden. Mit der Bahn wurden die Teilnehmer von Zermatt auf das 3800m hoch gelegene Kleinmatterhorn gefahren.

Die, bei einem schnellen Aufstieg, typischen akuten Reaktionen konnten die Teilnehmer nun an sich selbst beobachten. Sehr interessant war unter anderem das Verhalten der peripheren Sauerstoffsättigung in Ruhe und unter Belastung. Hierzu führten die Teilnehmer, unter neugierigen Blicken der umstehenden Skifahrer, 100m Sprints am Rande der Piste durch. Der belastungsinduzierte Abfall der SpO2 und die reduzierte maximale Herzfrequenz am eigenen Körper zu messen, war sehr aufschlussreich.

Zur Belohnung für ihren Einsatz stiegen die Teilnehmer noch in Kleingruppen auf das Breithorn. Der starke Wind mit ca. 60-80 km/h, die Schneeverwehungen und die wechselnde Bewölkung verhinderten zwar das Schießen von Postkartenmotivbildern, gaben aber durchaus einen Vorgeschmack auf die Wetteraussichten der kommenden Tage. Die Abfahrten vom Breithorn bis nach Zermatt mit -2800Hm entschädigten aber durchaus für das Fehlen eines Gipfelpanoramas bei blauem Himmel.

Da der Wind, wie zu erwarten weiter auffrischte, folgte am nächsten Tag der verschobene Besuch bei der mittlerweile legendären Air Zermatt. Mit den von diesem Unternehmen entwickelten Verfahren wurden einige Standards in der Gebirgsluftrettung gesetzt.

Zurück im Hotel standen wieder aufschlussreiche Vorträge über Aufgaben und juristische Aspekte der Arbeit als Expeditionsarzt und Gruppenarbeiten auf dem Programm. Zur Vorbereitung auf die bevorstehende Exkursion auf die Britanniahütte gab es am Nachmittag noch eine Einweisung in die Begehung eines Fixseils im, extra dafür von den Bergführern aufgebauten, Parcours mit Abseilstellen.

Bei der Besprechung nach dem, wieder einmal sehr guten Abendessen, informierte Jan die Teilnehmer über die voraussichtlichen Bedingungen (Schneesturm, Kälte und ansteigende Lawinenlage) und das geplante Vorgehen auf der Britanniahütte. Zu guter Letzt gab es noch einen Einblick in den Rucksack eines expeditionserfahrenen Bergführers.

Nachdem die Lebensmittel- und Gasvorräte unter den Schneehöhlengruppen verteilt worden waren und die Rucksäcke stattliches Gewicht und Größe aufwiesen, wurden wir an den Ausgangspunkt nach Saas gefahren. Dieser und alle anderen Transfers mit den hoteleigenen Kleinbussen lief problemlos und ohne Wartezeiten ab.

Leider hielt sich beim Aufstieg auf die Britanniahütte das Wetter an seine Vorhersage. So hatten die Teilnehmer die Möglichkeit einen Sturm mit Spitzenböen um die 100km/h und einen Whiteout hautnah zu erleben. Da blieb, sicher vor Freude, kein Auge trocken und so mancher Bart ist eingefroren. Der Aufstieg auf die Britanniahütte lohnte sich aber auch unter diesen Bedingungen. Zum einen der packende Bericht einer Rettung vom Cho Oyu aus erster Hand und zum anderen die Bewirtung mit einem gemütlichen Hüttenabend waren die Aufstiegsmühen definitiv wert.

Über Nacht lies der Wind leicht nach und die Sicht verbesserte sich leicht. Eine Tendenz zur Verschlechterung der Lawinenlage und des Wetters gegen Mittag war aber prognostiziert. Am nächsten Morgen erfolgte deshalb der Abmarsch mit vollem Gepäck um flexibel auf Veränderungen von Wetter und Schneebedingungen reagieren zu können. Ziel war das Egginer-Joch. Hier wurden an zwei Stationen die Technik der Fixseilbegehung und das Graben von Schneehöhlen geübt. Wobei die Schneehöhlen durchaus auch als Rückzugsoption für eine weitere Wetterverschlechterung geplant waren. Entsprechend eifrig ging man ans Werk.

Als eines der Highlights entpuppte sich der Fixseilparcours am Egginer. Diesen galt es bei auffrischendem Wind um die 60km/h und Schneefall zu durchsteigen. Am Ende wartete Maria Pillarski, eine erfahrene Bergsteigerin aus dem Expeditionskader, die auf den korrekten Umbau und Einstieg in die Abseilstrecke achtete.

Leider nahmen Wind und Schneefall weiter zu. Da keiner die Gefahr von mehreren eingeschneiten Nächten in der Schneehöhle eingehen wollte, beschloss man den geordneten Rückzug ins Tal. Die Lawinenlage am Folgetag mit einer 4 (erheblich) zeigte, dass sich die Bergführer klug und richtig entschieden hatten. Leider entfiel somit die Nacht im Biwak.

 

Da aber Flexibilität nicht nur auf Expeditionen, sondern auch auf Expeditionskursen von Vorteil ist, gab es trotz schlechter Verhältnisse ein Stationstraining. Auf dem Stundenplan standen Lawinenverschüttetensuche, Spaltenbergung und behelfsmäßiger Patiententransport. Eine improvisierte Schneebar für den Imbiss zwischendurch durfte auch nicht fehlen. Sehr viel Spaß hatten die meisten Teilnehmer beim Aufstieg am Seil nach einem simulierten Spaltensturz mit kompletter Ausrüstung. Hier konnten auch technische Erfahrungen wie zum Beispiel die Wirkung verschiedener Klemmknoten und Geräte auf unterschiedlichen Seilen praktisch erfahren werden.

Wolfgang Schaffert leitete die Biwaksackverschnürung und den Bau des Skischlittens an.  Nach einem sehr kurzweiligen Tag im Stationstraining an der Moosalpe folgte die allabendliche Besprechung der Wetter- und Lawinenlage. Bei dem berichteten starken Wind und Schneefall am Vortag waren alpinistisch ambitioniertere Abschlussbegehungen leider nicht möglich. Es boten sich für den letzten Tag folgende Optionen: Eine Skitour an der Moosalpe mit voraussichtlich wunderbarem Bergpanorama der Walliser Alpen und fast garantierter Abfahrt in unverspurtem Gelände, oder eine intensive Hangbewertung der fast jungfräulichen Tiefschneehänge im Zermatter Skigebiet unter ortskundiger Führung von Uli und Jan.

Da sich die Teilnehmer hälftig für eine der beiden Varianten entschieden war es möglich die Gruppe zu teilen und beide Vorhaben zu ermöglichen. Am Nachmittag standen noch Workshops zur Sauerstofflogistik und Gerätevorstellungen zur Sauerstofftherapie in der Höhe statt. Im zweiten Workshop führte Wolfgang Schaffert die Teilnehmer in die Handhabung und Risiken der Nutzung des Certec Überdruck Sackes ein.

Anschließend stimmte Rudi die Teilnehmer, mit einem privaten Alphornkonzert in Tracht, die Teilnehmer auf die kommende Abschlussprüfung ein. Vorher entwickelte sich jedoch eine Jamsession am Alphorn mit überraschenden Talente.

 

 

Der entspannte lockere Kursausklang mit einem wunderbaren Käsefondue bleibt allen Teilnehmern in noch lange Erinnerung.

Zusammenfassend war der Expeditionsmedizinkurs 2018 im Wallis ein sehr schöner und rundum gelungener Kurs bei dem, trotz oder gerade wegen dem sehr schlechten Wetter, unter durchaus realistischen Bedingungen geübt und gelernt werden konnte. Der immense Erfahrungsschatz und das mindestens ebenso herausragende Wissen der Ausbilder über expeditionsspezifische Fragestellungen, die weit über die reine Medizin hinausgehen, machten diesen Kurs zu einem besonderen Termin, an den man noch lange sehr gerne zurückdenkt. Jedem expeditionsmedizinisch Interessierten kann man dieses Format wärmstens empfehlen. Den Organisatoren, Ärzten und Bergführern soll auf diesem Wege nochmal ein großer Dank für einen wunderschönen und äußerst lehrreichen Kurs ausgesprochen werden.

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